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Vergrößerung Preisträgerarbeit: Luka Fineisen, oh. Titel, Instalation(Folie), 2007
 
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Vergrößerung Stipendium:Alexander Schellow,Installation aus den Serien: Storyboard, spots, still lives, 2007, Zeichnungen und Filme
15.09.2007 | MAX-PECHSTEIN-FÖRDERPREIS 2007
PREISVERLEIHUNG
Verleihung des Max-Pechstein-Förderpreises der Stadt Zwickau 2007  
 
Der Max-Pechstein-Förderpreis der Stadt Zwickau 2007 geht an  
LUKA FINEISEN  
 
Das Stipendium des Max-Pechstein-Förderpreises 2007 der Stadt Zwickau erhält  
ALEXANDER SCHELLOW  
 
Preisverleihung  
am Samstag, 15.9.2007, 17:00 Uhr,  
Kunstsammlungen der Städtischen Museen, Lessingstraße 1, 08058 Zwickau  
Ausstellung: 16.9. bis 4.11.2007  
 
Begründung der Jury  
Alle Jury-Mitglieder haben sich für die qualitätsvollen, eigenständigen Arbeit der fünf Preis-Kandidaten ausgesprochen.  
Jeder der nominierten Künstler hat in den Zwickauer Kunstsammlungen eine überzeugende Präsentation mit in sich schlüssigen konzeptionellen wie formalen Aspekten geschaffen. Der Glücksfall ist eingetreten, dass eine Gruppenausstellung entstanden ist, die höchst individuelle und zudem in den Medien bzw. Techniken deutlich verschiedene Ansätze (expressive Malerei, zeichnerische Erinnerungsprotokolle, skulpturale Installationen, umgeformte Alltagsobjekte und ein fotografisch inszenierter stummer Dialog) auf außergewöhnliche Weise vereint. Jeder Künstler arbeitete intensiv mit dem jeweils selbst gewählten Ort und reagierte auf den vorgegebenen Raum, auf das Museum oder auf die Stadt in souveräner Weise. Die Mitglieder der Jury haben sich schließlich nach langer intensiver Diskussion entschieden, dass Luka Fineisen den mit 5000 € dotierten Max-Pechstein-Förderpreis erhält. Das mit 3000 € dotierte Stipendium geht an Alexander Schellow.  
Bei Luka Fineisens bildhauerischem Statement beeindruckte besonders der sensible und überaus exakte Umgang mit dem Raum, die großzügige Geste, mit der die Künstlerin dem ungewöhnlichen Material (Folie) eine vollkommen überraschende, sinnliche Kraft und Präsenz verliehen hat. Nach Yana Milev im Jahr 1995 erhält nun zum zweiten Mal eine Künstlerin den Preis. Alexander Schellows Verbindung von erkenntnistheoretischer wie wahrnehmungs-psychologischer Fragestellungen mit einer auf den Raum bezogenen Präsentation von Zeichnungen und Filmen überzeugte die Jury ebenfalls.  
 
NOMINIERTE KÜNSTLER UND IHRE KURATOREN  
Guillaume Bruère Dr. Robert Fleck, Direktor der Deichtorhallen Hamburg  
Luka Fineisen Dr. Ulrike Groos, Direktorin der Kunsthalle Düsseldorf  
Alexander Schellow Dr. Marion Ackermann, Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart  
Juliane Solmsdorf Susanne Weiß, amt. Direktorin des Kunsthauses Dresden  
Clemens von Wedemeyer Prof. Dr. Beatrice von Bismarck, Professorin für Kunstgeschichte und  
Bildwissenschaften der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig  
 
Guillaume Bruére hat sich für seine sowohl malerische als auch installative Arbeit „Jagd und Freizeit: Gregor in Zwickau“ in unserem Museum von einigen „Komparsen“ anregen lassen: Diese fand er nach einem Rundgang durch die verschiedenen Abteilungen des Hauses schließlich in der ihn faszinierenden Naturkundeabteilung. Mit ausgestopften Tieren, die im Depot ein vereinsamtes Regalleben führen, begegnete er archivierten, lebensechten Reliquien, um sie als geeignete Statisten für seine Installation zu nutzen. Darüber hinaus ergaben sich auch Bezüge zu Courbets um 1850 geschaffenem Monumentalbild „Ein Begräbnis in Ornans“. Statt des realistisch inszenierten, in dieser Zusammenschau aber vollkommen ungewohnten Aufgebots an einfachen Bauern und kirchlichen Würdenträgern, die Courbet damals im Stil eines Historienbildes komponiert hat, arrangiert Bruère eine Orwellsche Tierparade. Das Tier, als verwandtes Wesen uns Menschen nah und fremd zugleich, mag für den Künstler eine Metapher des Kreatürlichen schlechthin sein. Dabei verliert er den direkten Bezug zum Menschen und dessen immer wieder auch tragischen Schicksal nie aus den Augen: So stellt Bruère in einem vor Ort geschaffenen großen Wandbild ebenfalls eine „Historienmalerei“ zur Diskussion – das auf dem Meeresgrund liegende Grab der Besatzung des russischen U-Bootes KURSK, das am 12. August 2000 versank.  
 
Für Luka Fineisen bildet das sich ständig neu erfindende Spiel mit den je ortsspezifischen Dimensionen des Raumes eine wesentliche Grundlage ihrer Arbeit. Mit bildhauerischen Mitteln, doch mit ungewöhnlichen Werkstoffen und Eingriffen in die vorgefundene räumliche Situation setzt sie unsere Wahrnehmung außer Kontrolle. Das Haptische des Materials, die sinnliche Präsenz der Oberflächen, das fundamentale Verhältnis des Objekts zum Raum sind traditionelle bildhauerische Fragestellungen, denen auch Luka Fineisen nachgeht, doch nutzt sie durch den Einsatz von Schaum, Kunststoffen, Harz, Folien oder Naturprodukten wie Milch und Honig – also besonders veränderlichen wie vergänglichen Materialien – die ganze Spannbreite von Irritations- und Assoziationsstrategien. So formte sie für den Oberlichtsaal der Zwickauer Kunstsammlungen eine große, zu fließen scheinende, klare Masse, die sich über den Ausstellungsraum ergießt. Ist sie starr und kalt wie Eis oder heiß wie Lava, ist sie fest oder flüssig, hart oder weich? Unsere Erfahrungsmuster werden hinterfragt und neu gemischt. Dies gelingt der Künstlerin nicht nur durch die Verrätselung des Materials, sondern damit einhergehend über dessen „unübersehbare“ Aufwertung, die als Auslöser für eine massive und frappante Wirkung beim Betrachter sorgt.  
 
Alexander Schellow nutzt die Zeichnung für die Inszenierung eines raumgreifenden, begehbaren Erinnerungsplateaus. Die kleinen, zu Storyboards zusammengestellten Zeichnungen sind Wahrnehmungsaufzeichnungen von besuchten Orten, die der Künstler – meist nach einem Abstand von drei Monaten – aus dem Gedächtnis abruft, ergeben einen scheinbar fragmentarisierten, dennoch auch narrativen Zusammenhang. Dabei interessiert ihn nicht das Abbild der realen Welt, sondern das erinnerte Bild, das sich zwischen Fiktion und Wirklichkeit im Gedächtnis synthetisiert. Die Zeichnung entsteht mittels Flecken und Punkten, die – nahezu im Automatismus gesetzt – sein Bild von geschauten Stadtszenen, ob New York, Berlin, Stuttgart oder Zwickau, wiedergibt. Drei Sekunden benötigt unser sinnesphysiologischer und mentaler Apparat, um eine Erinnerung zu etablieren. Dementsprechend laufen auch die gezeichneten Filmsequenzen drei Sekunden, in denen ein einst erlebter und gespeicherter Augenblick wiederholt wird, ohne jedoch einen Handlungsablauf für uns gezielt einem Ende zuzuführen. Schellow rekurriert so auf originäre Weise auf die aktuellen Diskurse zu biologischen, neurologischen, psychologischen oder philosophischen Forschungen und formuliert vor diesem Hintergrund Fragen über Wahrnehmungsphänomene und Wahrnehmungsmuster in bildhafte, ästhetische Stellungnahmen um.  
 
Aus genauen Alltagsbeobachtungen schöpft auch Juliane Solmsdorf die Bildvorlagen für ihre poetischen Objekte und Installationen. In den Randlagen unserer Zivilisation, in uns vertrauten Gegenständen oder in der brachialen Kraft der Natur sucht sie das Repertoire für ihre formal-ästhetischen Übersetzungen. So entdeckt sie Schönheit und Poesie in einem vom Blitz gespaltenen Baumstamm ebenso wie in einer fächerartig gefalteten Jalousie. Die Übertragung eines in Brooklyn entdeckten Maschendrahtzaunes, in dem sich umherflatternde Plastiktüten unserer Überflusszivilisation verfangen haben, in den Kunstraum Museum, mag ihre Vorgehensweise eindrücklich beschreiben. Mit Maschinen wird Wind erzeugt, um die Tüten aufzublasen, damit wir jene von der Künstlerin erlebte Situation auf realistische Weise nachvollziehen können. Das exakte Abbilden urbaner Wirklichkeit durch den Nachbau einer beiläufig vorgefundenen Konstellation, aber auch die gezielte Imitation eines zufälligen Naturereignisses erhalten durch die radikale Kontextverschiebung in eine museale Künstlichkeit und Öffentlichkeit eine ganz losgelöste, unverfälschte wie imaginäre Schönheit.  
 
Die filmische Bildsprache, mit der Clemens von Wedemeyer arbeitet, zeichnet sich durch eine außergewöhnliche visuelle Intensität aus. Zwischen Dokumentarischem und Fiktionalem bewegt sich seine filmische Arbeit, er verdichtet Handlungen und Erzählungen, die soziale und gesellschaftspolitische Konditionen beleuchten. In der Diafolge „Getrennter Monolog“ arbeitet der Künstler nun mittels feststehender Bilder, die aber in ihrem Ablauf zwei Menschen in einen stummen Dialog, eigentlich: Monolog treten lassen. Das filmische Prinzip einer zu Grunde gelegten Handlung scheint jedoch bestehen zu bleiben. Bild und Text sind getrennt, beziehen sich aber aufeinander, Schnitt für Schnitt. Die Texte fragen nach eigenen und fremden Gedanken etwa im Sinne von: ‚Bin ich ein Anderer?’ oder ‚Bleibe ich in mir gefangen?’. Die großformatigen Projektionen der beiden Akteure forcieren deren sinnliche Präsenz, verdeutlichen aber zugleich ihre Distanz zueinander. In scheinbarer Isolation suchen sie das existentiell verbindende Gespräch, doch will ihnen das Herstellen einer kommunikativen Ebene und das Verlassen der reinen Subjektivität nicht gelingen.  
 
Die Max-Pechstein-Förderpreis-Ausstellung gibt auch im Jahr 2007 einen schlaglichtartigen Einblick in die Komplexität unserer Gegenwartskunst: Expressive Malerei, zeichnerische Erinnerungsprotokolle, skulpturale Installationen, umgeformte Alltagsobjekte und ein fotografisch inszenierter stummer Dialog treten in vielschichtig ausdeutbare Beziehungen zu einander. Als Resultat ergibt sich zwischen den Arbeiten und uns als Betrachter auch eine spannungsvolle Interaktion, über die wir uns Gedanken zu machen haben. Wie sehr zeitgenössische Kunst aber auch schlichtweg Vergnügen bereiten kann, zeigt unsere Ausstellung eindrücklich und bei jedem Blick aufs Neue.  
 
 
 
 
 
 
 
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